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Für eine menschengerechte Technik

Zum Tod von Thomas Barthel am 19.11. 2007

 

Thomas Barthel ist gestorben, mit 57 Jahren viel zu früh, aber dennoch nach einem erfüllten Leben, in dem er außerordentlich viel bewirkt hat.

In den 70er Jahren hatte die Computertechnik als gesellschaftlich relevantes Phänomen noch recht unscharfe Konturen; in der Diskussion über ihre Chancen und Risiken, über akzeptable und inakzeptable Einsatzformen und über die Verantwortung der Computerfachleute dominierte noch die Idee von der Wertfreiheit der Wissenschaft und ihrer Produkte. Thomas’ Position jedoch war klar: Technik ist nicht dann schon gut, wenn sie raffiniert, zuverlässig und effizient ist. Technik soll gut für „die Menschen“ sein. Damit stellte er die Technik – und als Informatiker besonders die Computer – bewusst in einen politischen Kontext und erteilte den Thesen von der Wertfreiheit von vorn herein eine klare Absage.

Zu wissen, dass die eigenen Produkte zwangsläufig zu gesellschaftlichen Konsequenzen führen, heißt noch nicht, diese auch beeinflussen zu wollen. Allzu viele Techniker unterwerfen sich zur Sicherung des Broterwerbs oder aus schlichter Bequemlichkeit den Zielen ihrer Auftraggeber, stellen ihre Fähigkeiten als „instrumentelle Vernunft“ anderen zur Verfügung. So nannte es Joseph Weizenbaum, mit dem Thomas befreundet war.

Thomas hat auch hier eindeutig Position bezogen. Seine Zielgruppe, deren Interessen er unterstützen wollte, waren nicht die Manager in Unternehmen und Staatsorganen, sondern die Menschen, die als Arbeitnehmer oder Bürger vom IT-Einsatz zwar hochgradig betroffen sind, aber mangels Macht und Sachverstand nur wenig Einfluss auf ihre Gestaltung und Einsatzweise nehmen können.

Mit dieser Haltung war Thomas nicht allein. Besonders in den geschützten Räumen der Universitäten, öffentlich geförderten Forschungseinrichtungen und Gewerkschaften gab es einige Wissenschaftler und IT-Fachleute mit ähnlichen Überzeugungen. Sie meldeten sich auf Tagungen oder in Publikationen zu Wort, praktische Hilfe in konkreten Alltagsfragen etwa zum Datenschutz konnten sie allerdings neben ihrem „eigentlichen Beruf“ kaum leisten. Das aber war Thomas’ Ziel: ein professionelles, wissenschaftlich fundiertes Beratungs- und Qualifizierungsangebot für die Betroffenen. Er hat die Initiative ergriffen und schließlich 1980 gemeinsam mit einigen Freunden und Kollegen FORBIT gegründet, die Forschungs- und Beratungsstelle Informationstechnologie. Das war ein mutiger Schritt, denn es war damals überhaupt nicht selbstverständlich, dass man mit Arbeit an solchen Themen die zunächst vier hauptberuflichen Berater und Beraterinnen würde ernähren können.

Das Entwickeln von Perspektiven, das Denken in großen Zusammenhängen und Bereitschaft auch zum Risiko gehörten zu Thomas’ besonderen Stärken. Seine fachliche Kompetenz, seine Beharrlichkeit und sein Charme haben es ihm ermöglicht, nicht nur politisch motivierte Gesinnungsgenossen für seine Vorhaben zu gewinnen, sondern zugleich hoch qualifizierte Fachleute in Unternehmen und Verbänden in fruchtbare Kooperationsbeziehungen einzubinden. So konnte er vieles von seinen Visionen verwirklichen.

FORBIT und die später gegründete Schwestergesellschaft CARO sind bis heute sichtbare institutionelle Zeugen besonders auch seines persönlichen Einsatzes. Wichtiger noch sind die inhaltlichen Beiträge, die durch seine Mitwirkung entstanden sind. Dazu zählen unter anderem die Datenschutzleitfäden für verschiedene Softwareprodukte von SAP, die unter seiner maßgeblichen Mitwirkung bei der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe DSAG entwickelt wurden, außerdem die Konzepte für eine Einführung und Anwendung von IT-Systemen, die den Benutzern und den Datenschutzbedürfnissen der Betroffenen gerecht werden. Hiervon hat er in 30 Jahren Schulungs- und Beratungsarbeit ungezählte Datenschutzbeauftragte, Betriebs- und Personalräte und auch Projektverantwortliche überzeugt und tatsächlich die Einsatzweise von Computertechnik in vielen Unternehmen wesentlich beeinflusst.

Seiner großen Idee von einer Technik, die nicht nur nach den Kriterien der Ingenieurskunst, sondern auch unter den Aspekten Demokratie und Menschenfreundlichkeit gut ist, hat Thomas seine ganze Arbeitskraft gewidmet – und dies mit einem Stundenpensum, das für Beobachter beeindruckend, wenn nicht besorgniserregend war. Trotzdem hatte er immer Zeit, wenn wir Kollegen seinen Rat suchten, er wusste, wie es uns geht, er half uns, wo er konnte. Er konnte auch genießen und wunderbare Feste feiern. Er war dem Leben zugewandt, das Gegenteil eines Technokraten.

  

 

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